Unterwegs mit den Engeln der Nacht

 

Während ganz Hamburg Feierabend macht, bereitet sich der Mitternachtsbus der Diakonie auf seine abendliche Tour vor. Von 20 bis 24 Uhr fährt ein Team von vier ehrenamtlichen Helfern durch die City, verteilt Essen, Kleidung oder Decken an Obdachlose – die MOPO war eine Nacht lang dabei.

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Das Thermometer zeigt knapp über Null Grad. Die Sonne ist schon lange hinter den Häusern verschwunden – die Nacht ist kalt und windig. 16 Stationen wird der Bus heute anfahren und Menschen helfen, die auf der Straße leben. 20 Bedürftige warten am Hauptbahnhof, dem ersten Halt. Über ihren Köpfen steigt der kondensierende Atem auf wie Rauch aus den Schornsteinen der umstehenden Häuser.

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Heidrun Dams (73) öffnet die Hecktür des Busses, reicht dem Vordersten in der Reihe einen heißen Kaffee. Seine zitternden Hände entspannen sich langsam. „Habt ihr auch etwas zu essen?“, fragt der Mann. „Selbstverständlich!“, antwortet sie. „Steak mit Pommes gibt’s aber heute nicht.“ Der Ton im Bus ist locker und freundlich, es wird viel gescherzt. Denn auch das hilft gegen die Kälte. Dick eingepackt steht Heidrun Dams im Bus. „Arschkalt ist das“, flucht sie. Wer kann, verzichtet bei diesen Temperaturen darauf, vor die Tür zu gehen. Mehr als 2000 Menschen können das nicht: So viele Obdachlose leben laut Diakonie Tag und Nacht auf Hamburgs Straßen. Sie sammeln Pfand, suchen nach Essen oder Utensilien für den Schlafplatz.

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Vieles davon bekommen sie auch am Mitternachtsbus: Kleidung, Isomatten, Taschentücher, Essen und Getränke oder auch mal Futter für die Hunde – alles Spenden an die Diakonie. Das „Backhus“ stellt Backwaren zur Verfügung, die Bahnhofsmission sammelt übriggebliebenen Speisen aus umliegenden Geschäften ein. Durchschnittlich 130 Menschen nehmen das Angebot in Anspruch. 20 Jahre gibt es den Mitternachtsbus schon, Dams ist seit zwölf Jahren dabei. Die Rentnerin aus Marienthal ist gelernte Bankkauffrau. „Da habe ich früher gearbeitet“, sagt sie und zeigt auf eines der prunkvollen Gebäude am Jungfernstieg. Davor liegt ein Obdachloser, kaum zu sehen in dem verwinkelten Hauseingang – der nächste Stopp.

„Was darf es für Sie sein?“, fragt Lea Härms (23) den Mann, der noch etwas verschlafen unter der Kapuze hervor blickt. „Ein Kaffee und ein Brot mit Käse, vielen Dank“, antwortet er. Die Studentin aus Norderstedt ist eine der 140 Ehrenamtlichen. „Dieser Mann ist uns ans Herz gewachsen“, sagt sie. „So freundlich und höflich wie er ist kaum einer.“ Alle Ehrenamtlichen eint dieses Gefühl, etwas zurückgeben zu wollen. „Die Dankbarkeit ist die Bestätigung, dass wir etwas bewirken. Einer hat uns mal eine Rose gekauft als Dankeschön“, sagt Cornelia Olbrecht (36) aus Höhenluft. Zur Arbeit gehört nicht nur die Essensausgabe, sondern auch immer ein offenes Ohr. „Wenn wir merken, dass es den Leuten schlechter geht, schreiten wir ein – im vergangenen Jahr mussten wir sechs Mal den Notarzt rufen. Von alleine gehen die meisten Obdachlosen nicht zum Arzt.“

20160110Roeer-4737Am nächsten Haltepunkt in der Nähe der Mönckebergstraße wartet Klaus B. mit einigen weiteren Kunden auf den Bus. Es ist mittlerweile 22 Uhr. „Da seid ihr ja endlich“, scherzt er, „Mir frieren die Füße gleich ein!“ Der Obdachlose schläft unter einer Brücke in Harburg, seit einem halben Jahr nutzt er das Angebot des Busses. „Hier hält man einen kleinen Schnack, das ist schon eine Art Familienersatz“, sagt er. Viele Obdachlose kommen momentan im Winternotprogramm unter. Die Unterkünfte sind allerdings nur von 17 bis 9 Uhr geöffnet. „Ich verstehe nicht, warum die Quartiere tagsüber schließen“, sagt Klaus B. „Bei den Flüchtlingen geht es ja auch.“ Von Sozialneid trotzdem keine Spur – Obdachlose, Osteuropäer und Araber stehen in derselben Schlange. „Dass die Flüchtlingssituation so viele Kräfte mobilisiert hat, ist ein tolles Zeichen“, sagt Cornelia Olbrecht. „Aber das ehrenamtliche Engagement und auch die öffentliche Aufmerksamkeit darf nicht aufhören“, sagt Olbrecht. „Bedürftigkeit hatten und haben wir auch vor Ort. Das sollte niemand vergessen.“

Reportage der Woche aus: Hamburger Morgenpost, Do. 14.01.2016, Fotos von Marius Röer

 

 

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